Am 15. Januar 2021 sprach der Ministerpräsident Bayerns und CSU-Vorsitzende Markus Söder ein Grußwort an die Delegierten des Parteitags der CDU. Selbstverständlich war Corona ein bestimmendes Thema. Dabei sagte er diese bemerkenswerten Sätze:
Es gibt nirgendwo weltweit einen besseren Ansatz Corona entgegenzutreten, wie wir es jetzt tun. Länder, die was anders gemacht haben, sind grundlegend gescheitert oder mussten umkehren.
Markus Söder, an den CDU-Parteitag am 15.1.2021
Ich habe mich ja schon häufiger gefragt unter welchem Stein die CDU/CSU so manche Debatten und Entwicklungen der letzten Jahrzehnte verbracht hat, aber dieses Statement hat mich dann doch ganz besonders irritiert. Es braucht eine gewaltige Portion Isolation, um nicht mitzubekommen, dass Europa in Sachen Pandemiebekämpfung schlechter dasteht als viele andere Orte dieser Erde. Berichte über Konzerte in Taiwan oder volle Rugbystadien in Neuseeland haben es offensichtlich noch nicht in die bayrische Staatskanzlei geschafft. Es ist verblüffend zu beobachten, wie die erfolgreiche ZeroCovid-Strategie von Neuseeland, Taiwan oder Südkorea durch Söder einfach weggewischt und gar nicht zur Kenntnis genommen wird. Zu behaupten, dass es kein Land besser geschafft hätte als Deutschland, hat bald Züge einer trumpschen Realitätsverweigerung.
Diese weltweite Ignoranz des Bayrischen Ministerpräsidenten ist ein sprechendes Beispiel für die tendenzielle Unfähigkeit vieler in Deutschland über Europa hinauszublicken. Jenseits unseres kleinen Kontinents finden sich gute Beispiele, von denen es sich lohnt zu lernen, wenn man denn will. Aber sogar innerhalb Europas tun wir uns oft schwer erfolgreiche Projekte auf lokale Gegebenheiten anzuwenden. Wenn man bedenkt, wie Paris die Verkehrswende im Eiltempo umsetzt, Portugal seit Jahren erfolgreiche Drogenpolitik betreibt oder Dänemark den ländlichen Raum fördert und wenig bis gar nichts davon hier kopiert wird. In Deutschland ist irgendwie immer alles anders und komplizierter so scheint es.
Natürlich gibt es Argumente dagegen alle Strategien, die anderen Ländern erfolgreich waren, 1-zu-1 in Deutschland umzusetzen. Aber statt sich zu fragen, welche Teile asiatischer Corona-Strategien auf Deutschland adaptiert werden könnten, stehen Mutmaßungen über Obrigkeitshörigkeit, konfuzianischen Kollektivismus oder mangelnden Datenschutz im Raum, die mehr dem exotisierenden Orientalismus als der Realität entspringen. Vanessa Vu redet sich in deutschen Talkshows den Mund dagegen fusselig. Konkret betrachtet ist die Quarantäne in Taiwan in allen Belangen besser organisiert als jede deutsche Coronamaßnahme. Es rächt sich einmal mehr, dass der Staat mindestens seit der Finanzkrise und der Etablierung der schwarzen Null als Zielgröße des staatlichen Handelns zusehends handlungsunfähig gespart worden ist. Und trotzdem herrscht in der öffentlichen Meinung die Idee vor im Großen und Ganzen laufe es hier gut- sonst bliebe Söders Aussage ja nicht weitgehen unwidersprochen.
Diese begrenzte Vorstellung der Welt stammt aus einer Zeit, in der es für gelungene Politik zu genügen schien zu beobachten, was in Großbritannien, Schweden oder Frankreich passierte, gelegentlich mal in die USA zu blicken und ansonsten die deutsche Überlegenheit als Exportweltmeister und Ingenieurnation zu pflegen.
Die deutsche Bewältigung der Corona-Krise ist die staatgewordene Überheblichkeit eines leitenden Ingenieurs, der den jungen Kollegen in endlosen Meetings die Welt erklärt, während diese die wirklich neuen Ideen im Slack-Channel besprechen, den er gar nicht kennt.
Das deutsche Überlegenheitsgefühl und die Vorstellung, dass es doch alles eigentlich ganz gut war, bevor das blöde Coronavirus uns die Normalität kaputt gemacht hat, sind das größte Hindernis einer erfolgreichen Strategie zur Rückkehr zu eben dieser Normalität – wie man sie dann auch immer bewerten mag.
Diese nostalgisch erinnerte Normalität existiert aber nicht mehr – und das nicht erst seit der Coronapandemie. Es hat sich etwas grundlegend verändert in den letzten Jahrzehnten und es gibt mehr Orte auf der Welt, die in der Lage sind, gute Ideen umzusetzen. Mehr Staaten schaffen es Ihren Bürger*innen gute Services zu bieten, lebenswerte Bedingungen zu pflegen, Probleme zu lösen und eben auch eine Pandemie erfolgreich zu bewältigen. Sogar in der Disziplin, in der wir Europäer uns immer für unschlagbar halten, tut sich etwas: In den Messungen des Demokratieindexes durch Freedomhouse übertrifft Taiwan schon seit einiger Zeit viele Staaten des demokratischen Europas. Und auch innerhalb Europas verändert sich etwas: Portugal (96) überholte Deutschland (94) und Großbritannien (94). Deutsches Überlegenheitsgefühl beschränkt sich schließlich nicht nur auf Außereuropäisches, jede*r kennt die Stereotype von faulen Südeuropäer*innen. Die Welt wird größer, komplexer und verändert sich schneller. In der Münchner Staatskanzlei ist die Welt aber noch klein, dabei sollte dringend mal jemand in Taipeh anrufen und nach effektiven Quarantänemaßnahmen fragen.