Digitaler Kapitalismus

gemalter Pacman auf einer Holzwand
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Ich habe was gelesen. In letzter Zeit, Lockdown sei Dank, komme ich wieder mehr dazu und es ist toll. Philipp Staabs Buch „Digitaler Kapitalismus“. Ich habe 3 Thesen identifiziert und dann 3 eigene Ideen zum Thema dazugedacht. Heute geht es um den digitalen Kapitalismus. Ja, kleiner ging es nicht. Vielleicht wird es ja eine Buch-Reihe hier, mal sehen…

Philipp Staab: Digitaler Kapitalismus, Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit, edition suhrkamp, 2019.

Philipp Staab analysiert die gesellschaftlich-wirtschaftliche Gegenwart und fragt, was ist das Besondere am digitalen Kapitalismus? Was unterscheidet ihn vom nicht-digitalen Kapitalismus und warum braucht es überhaupt eine neue Theorie zu diesem neuen Kapitalismus? Dass der digitale Kapitalismus strukturell und in seiner zentralen Wirkungsweise genuin anders funktioniert, wird beim Lesen schon nach kurzer Zeit klar: Alte Regeln darüber, wie Märkte funktionieren, welche Aufgaben sie erfüllen und welche Regeln für sie gelten greifen nicht mehr und der Autor erklärt stringent, warum das so ist.

Zentrale Thesen

Das kommerzielle Internet und Finanzkapitalismus sind „aus demselben Holz geschnitzt“

Der Aufstieg von Finanzkapitalismus und Internettechnologien hängt eng zusammen und hat sich gegenseitig bestärkt. Außerdem agieren beide in einem Feld der grundlegenden Unknappheit: Derivate und andere Finanzprodukte sind nicht durch äußere Ressourcen in ihrer Menge beschränkt und sind genauso wenig knapp, wie andere digitale Angebote. Daher finden sich ähnliche Strategien zur Monetarisierung, wie radikaler Wachstum und folgende Schließung eines Marktes.

Unternehmen des digitalen Kapitalismus werden selbst zum Markt

Da Apps für Smartphones nur durch die zwei Plattformen von Google und Apple verfügbar sind, können diese den Markzugang regulieren und unbegrenzt Renten abführen. Andere Plattformen bewegen sich auf dieses Ziel immer weiter zu, so etwa Amazon Web Services oder der Amazon Marketplace. In klassischen Theorien des Kapitalismus ist der freie Marktzugang ein Grundpfeiler für alle Aufgaben, die er leisten soll. Dieser wird im digitalen Kapitalismus aber zusehends außer Kraft gesetzt. Staab identifiziert 4 Kontrollformen, die proprietäre Märkte ausüben können:

  1. Informationskontrolle – Marktdaten werden vom Marktbesitzer allein erhoben
  2. Zugangskontrolle – Marktbesitzer können einzelne Anbieter*innen vom Markt ausschließen, aber auch festlegen, welche Angebote potentielle Kund*innen überhaupt zu Gesicht bekommen
  3. Preiskontrolle – Marktbesitzer*innen können Preise für die Transaktionen auf dem Markt festlegen und eigene Angebote an passender Stelle zu bevorteilen
  4. Leistungskontrolle – Marktbesitzer*innen können alle Details der Leistungserbringung diktieren, zum Beispiel durch die Gestaltung von Bewertungs- und Kommentarfunktionen nach ihren Interessen.  

Die Macht der digitalen Plattformen sorgt für einen steigende Druck auf den Faktor Arbeit und so zu schlechteren Arbeitsbedingungen

Die Macht der Marktbesitzer*innen wirkt sich für die Konsument*innen aktuell noch positiv aus, drückt aber auf die Gewinne der Produzierenden. Wenn Plattformen pauschal 30% des Umsatzes einbehalten können und zusätzlich durch die Gestaltung der Marktbedingungen die Preise niedrig halten, sind Produzenten zu Sparmaßnahmen gezwungen. Diese Einsparungen werden per Imitation der Plattform an den Arbeiter*innen vorgenommen. Praktiken des algorithmischen Managements, also der Arbeitskontrolle durch Techniken der digitalen und sozialen Kontrolle sorgen für eine Weitergabe des Drucks der Marktbesitzer*innen auf die Arbeiter*innen. Analog zu den vier Machtpraktiken der Marktbesitzer*innen werden Arbeiter*innen behandelt: Datensammlung, Rating, automatisierte Aufgabenverteilung etc.

Fragen und Kommentare

Gibt es wirklich keine Grenzkosten?

In allen Analysen der Digitalisierung darf die Idee der fehlenden oder minimalen Grenzkosten nicht fehlen, so auch in diesem Buch. Die These sagt, dass es kaum einen Unterschied mache, ob man ein soziales Netzwerk für 100.000 oder 1 Milliarde User betreibe, die Kosten blieben im Grunde gleich, anders als bei der Produktion physischer Gegenstände oder anderer Dienstleistungen. Es bleibt aber zu fragen, ob das wirklich so ist oder wir an dieser Stelle nur politisch-gesellschaftliche Entscheidungen getroffen haben, die dazu führen, dass es keine zusätzlichen Kosten gibt. Plattformen wie Twitter und Facebook, aber auch der Amazon Marketplace sind nur nutzbar, weil viel Arbeit in Content Moderation von echten Menschen gemacht wird. Sarah T. Roberts hat in „Behind the Screen – Content Moderation in the Shadows of Social Media“ einen Einblick in die grauenvolle Realität der Moderation auf sozialen Medien gegeben.[1] Auch scheinbar automatisierte Analysesysteme beruhen zu einem nicht unerheblichen Teil auf manueller Datensäuberung.
Automatisierte Content Moderation funktioniert nicht, auch wenn Amazon, Twitter, Facebook und Google gerne anderes behaupten. Die Automatisierung scheint immer 1 Jahr in der Zukunft zu liegen. Abseits von einzelnen Stimmen, haben wir das aber einfach akzeptiert. Nazipropaganda bei Spreadshirts, Amazon oder Real sind zwar einen kleinen Shitstorm wert, die großen Veränderungen werden jedoch leider nicht forciert. Twitter hat ein Tool angekündigt, mit dem angeblich ein „Safe mode“ ohne Trolls möglich sein soll. Dass solche Systeme strukturell marginalisierte Personen ausschließen ist bekannt, aber es wird nicht regulatorisch eingegriffen. Gesellschaftlich und politisch gibt es keinen Konsens die Plattformen stärker zu regulieren und eine effektive Content Moderation durchzusetzen. Es gibt nicht keine Grenzkosten, wir haben uns nur dazu entschieden, dass wir sie nicht einfordern wollen und wie immer tragen die Verwundbarsten den Hauptteil der Kosten. Es bleibt zu fragen, ob das ein Randphänomen ist oder auf mehr Aspekte digitaler Wertschöpfung zutreffen könnte.

Die Kultur der Digitalisierung des Kapitalismus ist von Bedeutung

Mit dem digitalen Kapitalismus ist ebenfalls ein neues Set an Ideen über unternehmerisches und wirtschaftliches Handeln entstanden, dass, wie anders zu erwarten im Kapitalismus, kulturell angeeignet und in andere Bereiche überführt wird. Der innovative Garagenbastler, die disruptive Idee, „act fast, break things“ – alles Bilder, die auch über das Internet hinaus wirkmächtig sind. Mich würde interessieren, wie diese positiv besetzten Vorstellungen auf Bildungspläne und -ideale einwirken. Welche Rolle spielt die Idee von grundlegender, disruptiver Veränderung bei der Definition von Fähigkeiten die Schule erbringen solle? Im Interent geistert die Floskel herum: „65% aller Erstklässler*innen werden Jobs machen, die es noch nicht gibt.“ Audrey Watters hat wunderbar erklärt warum das und viele andere Bildungsmythen der disruptiven Veränderung Quark sind.

Das Internet ist nicht überall gleich. Wir brauchen mehr lokale Analysen

Dieses Buch ist eines der ersten zum Thema „Internet“, das ich lese, das ernsthaft chinesische Konzerne und Lebenswelten mitdenkt. Auch eine europäische Perspektive findet erfreulicherweise statt. Viel hochwertige Analyse unserer Zeit des digitalen Kapitalismus wird in englischer Sprache geführt. Dabei verengt sich das Bild leider häufig auf die USA mit ihren spezifischen Eigenheiten. Klar, wir nutzen alltäglich US-amerikanische Plattformen, aber diese sind auch an europäische und deutsche Gegebenheiten angepasst. Selbst Facebook muss sich irgendwie ein bisschen an die DSGVO anpassen. Gerade Fragen nach Möglichkeiten staatlichen Handelns, arbeitsrechtlichen Implikationen und Datenschutz lassen sich einfach nicht eins zu eins aus den USA kopieren. Dort gewonnene Einsichten sind leider in der Praxis europäischer Realitäten nicht direkt anwendbar. Das heißt nicht, dass man nichts von ihnen lernen könnte, ganz im Gegenteil, aber sie reichen nicht aus. Wir brauchen mehr kulturwissenschaftlichen, soziologischen, anthropologischen Blick auf die digitale Gegenwart unserer Gesellschaft. Dabei darf auch das chinesische Internet, das zunehmend über China hinaus wirkt nicht komplett außenvor bleiben.


[1] Gute Rezension des Buches, das ich selbst noch nciht gelesen habe auf Jacobin.